„Zukünftig müssen Fahrgäste auf der Heidelberger Straße nicht mehr in volle Bahnen einsteigen“

Interview mit David van Looy, zuständig für Strategische Planung in der Abteilung Betrieb bei HEAG mobilo zum Betriebskonzept für den neuen Streckenast durch das Ludwigshöhviertel.

Hallo David! Schön, dass wir heute miteinander sprechen. Kannst du dich kurz vorstellen?

Ich bin David van Looy, 62 Jahre alt und seit Ende 2019 bei der HEAG mobilo, wo ich als Sachgebietsleiter für die Planung angefangen habe. Mittlerweile bin ich für den Bereich Strategische Planung verantwortlich. Ich habe mein ganzes Leben lang in Verkehrsbetrieben im In- und Ausland, in den letzten Jahren vorwiegend an Verkehrskonzepten und Arbeitszeitmodellen, gearbeitet.

Wir wollen heute über das Straßenbahn-Betriebskonzept sprechen, vor allem im Kontext der Streckenerweiterung ins und durch das Ludwigshöhviertel. Wie wird überhaupt ein Betriebskonzept für eine neue Strecke erstellt?

Zunächst setzt die Abteilung Straßenbahnnetz den planerisch-technischen Rahmen: Welche Neubaustrecke ist geplant und welche Stadtteile möchte man an das Straßenbahnliniennetz anschließen? Danach stellen wir uns die Frage: Wie können wir diese Neubaustrecke in das heutige oder in ein zukünftiges Straßenbahnkonzept einbauen? Müssen wir Linien ändern oder können wir die Verlängerung beziehungsweise Neubaustrecke in bestehende Linien integrieren?

Drei wichtige Rahmenbedingungen müssen bei der Erstellung von Verkehrskonzepten berücksichtigt werden. Erstens: Die vorhandene Infrastruktur: Was sind die verschiedenen Möglichkeiten und wie viel Platz steht zur Verfügung? Wo kann gewendet werden? Zweitens die vorhandenen Ressourcen: Wie viele Züge sind vorhanden und wie viele Fahrzeuge kann man einsetzen? Und das Dritte ist die Wirtschaftlichkeit. Verkehrskonzepte müssen immer so gestaltet sein, dass mit möglichst wenigen Fahrzeugen und mit möglichst wenig Personal so viel ÖPNV wie möglich angeboten werden kann.

Was bedeutet das für die Anbindung des Ludwigshöhviertels?

Es gibt in der Verkehrsplanung immer eine sogenannte Lastrichtung. Das ist die Richtung, in die die Bahnen voll besetzt sind, wogegen sie in der anderen Richtung relativ leer ist. Das wird versucht, in der Planung auszugleichen. Wenn man die bestehende Linie 3 nur ins Ludwigshöhviertel verlängern würde, ohne sie auf die Heidelberger Landstraße durchzubinden, könnte man zwar Fahrgäste im Ludwigshöhviertel einsammeln. Für die Betrachtung der Leistungsfähigkeit des Gesamtnetzes wäre diese Verlängerung aber bedeutungslos. Weil die Infrastruktur immer für die nächsten Jahrzehnte gebaut wird, ist es wichtig, auch die zukünftige Entwicklung* zu antizipieren. Hinterher nochmal bauliche Anpassungen vorzunehmen, ist immer schwierig und teuer.

Du spielst darauf an, dass mit der Durchbindung des Ludwigshöhviertels eine neue ÖPNV-Achse vom Süden nach Osten ohne den „Umweg“ über den Luisenplatz entsteht. Was sind aus deiner Sicht die großen Vorteile für die Fahrgäste?

Aktuell sind die Züge auf der Heidelberger Landstraße, die aus Eberstadt kommen und Richtung Luisenplatz fahren, bereits ab der Cooperstraße sehr stark frequentiert. Fahrgäste, die zwischen Cooperstraße und Rhein-Neckar-Straße in Richtung Luisenplatz, einsteigen, finden deshalb sehr volle Züge vor. Nicht jeder Fahrgast möchte aber überhaupt zum Luisenplatz. Personen, die in den Osten, zum Beispiel zum Böllenfalltor, oder zur Lichtwiese möchten, waren bisher gezwungen, über den Luisenplatz zu fahren. Zukünftig bieten wir Fahrgästen, die in den Osten Darmstadts fahren wollen, einen wesentlich kürzeren Fahrweg ohne den Umweg über den Luisenplatz an. Diese Menschen können bereits an der Schulstraße umsteigen und kommen schneller an ihr Ziel, während diejenigen, die weiterhin über den Luisenplatz fahren, bessere Beförderungsbedingungen vorfinden, weil die Züge nicht mehr so voll sein werden. Diese Vorteile gelten auch andersherum: Personen aus dem Osten können zukünftig in Richtung Eberstadt und Bergstraße fahren, ohne den Weg über den Luisenplatz nehmen zu müssen.

Ein weiterer Vorteil ist, dass Anwohnende aus Bessungen in Zukunft die Möglichkeit haben werden, auch über die Heidelberger Straße zum Hauptbahnhof zu kommen. Für Anwohnende aus dem Süden des Stadtteils ergibt sich daraus ein zeitlicher Vorteil im Vergleich zur Nutzung der Linie 3 über die Bismarckstraße. Da man zukünftig in beide Richtungen zum Hauptbahnhof fahren kann, ergibt sich für Fahrgäste zum und vom Hauptbahnhof außerdem ein sehr viel höherer Takt.

Außerdem profitieren natürlich alle Fahrgäste davon, wenn wir Störungen durch die neue Verbindung zukünftig viel besser ausgleichen können.

Kannst du diesen Aspekt noch ein bisschen genauer erklären?

Wenn es eine ungeplante Störung auf einer Straßenbahnstrecke gibt, kann es vorkommen, dass auf dem Teilstück temporär keine Straßenbahnen fahren können und wir einen Schienenersatzverkehr einrichten müssen. Das bringt viele logistische Herausforderungen mit sich. Beispielsweise gab es auf der Südstrecke Richtung Eberstadt einen Kfz-Unfall, bei dem im Nachgang ein Oberleitungsmast ersetzt werden musste. Wir hatten vier Tage Schienenersatzverkehr und sind damit schon an unsere betrieblichen Grenzen gestoßen.

Wir haben nämlich nicht viele Fahrerinnen und Fahrer, die sowohl Bus als auch Bahn fahren können. Das heißt, nicht das gesamte Fahrpersonal der Straßenbahn kann im Schienenersatzverkehr auf einem Bus eingesetzt werden. Insbesondere bei kurzfristigen großräumigen Schienenersatzverkehren ist das personell sehr problematisch. Daher müssen wir versuchen, Schienenersatzverkehre so kleinräumig wie möglich durchzuführen.

Außerdem weiten sich Störungen zukünftig nicht mehr so stark auf das gesamte Streckennetz aus. Wenn aktuell in Eberstadt ein Unfall passiert, dann fährt die Linie 8 wahrscheinlich auch nicht mehr in Arheilgen. Haben wir ausreichend alternative Strecken oder Wendemöglichkeiten, kann man so eine Situation lokal besser eingrenzen.

Könntest du auf die besondere Rolle der Wendeschleifen noch mal eingehen? Gerade im Rahmen des Infrastrukturprojektes Anbindung Ludwigshöhviertel wurde der Neubau der Wendeschleife an der Akademie für Tonkunst ja kontrovers diskutiert.

In Darmstadt haben wir leider sehr wenige Wendeschleifen im gesamten Stadtgebiet. Vor allem in Richtung Süden fehlt noch eine sinnvolle Wendemöglichkeit. Bei der Variantenprüfung der Baumaßnahme “Anbindung Ludwigshöhviertel” wurde deshalb untersucht, ob eine entsprechende Einrichtung an der Cooperstraße sinnvoll wäre. Um den Baumbestand in diesem Bereich nicht an Anspruch zu nehmen, ist man den Kompromiss eingegangen, die bestehende Wendeschleife in der Ludwigshöhstraße auszubauen. Das erlaubt uns zukünftig, sehr viele geplante Störungsfälle, wie Baumaßnahmen, oder auch ungeplante Störungsfälle, wie Unfälle, gut zu lösen – mit sehr wenig Schienenersatzverkehr.

Dafür brauchen wir aber eine zweispurige Wendeschleife, weil im Störungsfall der Umstieg von Bahn zu Bahn beziehungsweise von Bahn zu Bus in der Wendeschleife erfolgen muss. Die beiden Verkehrsmittel, die aus unterschiedlichen Richtungen kommen, müssen zeitgleich entgegengesetzt wenden können.

Inwiefern kann der Schwerpunkt auf umweltfreundlichen Verkehrsmitteln auch die Verkehrsknotenpunkte und somit Autofahrerinnen und Autofahrer entlasten?

Das Potential ist durchaus auch heute bereits vorhanden, mehr Menschen in die Bahn zu bringen. Wir haben sehr viel Autoverkehr von der Bergstraße, der in Richtung Darmstadt fährt. Die Taktung und die Infrastruktur sind da: Es gibt eine tolle Straßenbahn-Infrastruktur und es fährt ein Zug alle zehn bis dreißig Minuten.

Zukünftig wollen wir die Rahmenbedingungen des ÖPNV noch attraktiver machen, um dieses Fahrgastpotential zu heben. Die Menschen wollen auch mit Bus und Bahn zügig zum Ziel kommen. Das zu ermöglichen, ist unser Anliegen als HEAG mobilo. Auch gute Konzepte für die letzte Meile hin zur Haltestelle müssen mitgedacht werden. Mikromobilitätsangebote oder On-Demand-Verkehre können Fahrgäste zu den Haltestellen bringen.

Und klar ist: Je mehr Menschen zukünftig die Straßenbahn nutzen, umso mehr Platz bleibt auf den Straßen für diejenigen, die weiterhin aufs Auto angewiesen sind.

Lieber David, wir danken dir für dieses interessante Gespräch!

*Prognose zur Entwicklung des ÖPNV in urbanen Ballungsgebieten:

Prognosen für das Mobilitätsverhalten in urbanen Ballungsgebieten deuten auf einen signifikanten Wandel hin. Es wird erwartet, dass der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) eine zunehmend wichtigere Rolle spielen wird, da die Bevölkerungszahl in Ballungsräumen stark zunehmen wird. Um die Lebensqualität in Städten zu erhalten und zu verbessern, muss das umweltfreundliche Mobilitätsangebot stark ausgebaut werden. Der ÖPNV wird voraussichtlich für größere Distanzen eine zentrale Rolle einnehmen, während für kürzere Strecken Gehen und Radfahren in kompakten Strukturen gefördert werden. Städte wie Paris, Kopenhagen, Oslo und New York geben bereits emissionsfreien und flächeneffizienten Verkehrsmitteln Priorität. Diese Entwicklung dürfte sich in den kommenden Jahren in vielen urbanen Gebieten fortsetzen. Zudem wird erwartet, dass intelligente Mobilitätslösungen verstärkt zum Einsatz kommen, um das wachsende Verkehrsaufkommen und die damit verbundenen Herausforderungen wie Staus und Abgasemissionen zu bewältigen. Dies könnte zu einer verstärkten Integration von ÖPNV in multimodale Verkehrskonzepte führen.

Transparenzhinweis: Der Textbaustein zur prognostizierten Entwicklung des ÖPNV ist mit Hilfe der App „Perplexity“ erstellt worden. Diese nutzt KI Technologie. Die verwendeten Quellen sind:

www.deutschland.de (Auswärtiges Amt)

www.vcoe.at (Verkehrsclub Österreich)

www.trendreport.de (Redaktion und Zeitung für moderne Wirtschaft, Ayway Media GmbH)

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